Zwei Fragen, ein Thema: Was leistet die gesetzliche Rente später wirklich – und was kostet es rechnerisch, irgendwann vom eigenen Vermögen zu leben? Beide Antworten fallen nüchterner aus, als die Schlagzeilen vermuten lassen.
Vom Bruttogehalt fließen 18,6 % in die Rentenversicherung, je zur Hälfte von Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Diese Beiträge werden nicht angespart, sondern direkt an die heutigen Rentner ausgezahlt – das Umlageverfahren.
Das hat einen erheblichen Vorteil, der oft untergeht: Die Rente fließt lebenslang. Wer 100 Jahre alt wird, bekommt sie bis zum Schluss. Bei einem reinen Kapitaldeckungsverfahren müsste man selbst dafür sorgen, dass das Ersparte nicht vorher aufgebraucht ist – das sogenannte Langlebigkeitsrisiko.
EP × aRW × ZF × RF = monatliche Rente
| EP Entgeltpunkte | Jedes Jahr wird das eigene Einkommen ins Verhältnis zum Durchschnittseinkommen gesetzt. Genau Durchschnitt = 1 Punkt. Nach oben gedeckelt durch die Beitragsbemessungsgrenze. |
| aRW aktueller Rentenwert | Macht aus Punkten Euro. Bildet im Wesentlichen die Lohnentwicklung ab. Seit 1. Juli 2026: 42,52 € (zuvor 40,79 €). |
| ZF Zugangsfaktor | 1,0 bei Renteneintritt zur Regelaltersgrenze (67 für ab 1964 Geborene). Jeder Monat früher: −0,3 %, jeder Monat später: +0,5 %. |
| RF Rentenartfaktor | 1,0 bei der Altersrente; andere Werte z. B. bei Witwen-, Waisen- oder Erwerbsminderungsrente. |
Eine Angestellte hat im Berufsleben 40,1465 Entgeltpunkte gesammelt und geht zur Regelaltersgrenze in die normale Altersrente:
Das ist die Bruttorente. Davon gehen noch Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung ab, und je nach Gesamtsituation ist die Rente einkommensteuerpflichtig.
Erstens: Die Rente ist ein Spiegelbild des Berufslebens. Wer lange und gut verdient einzahlt, sammelt viele Punkte. Wer wenig einzahlt, hat auch im Alter wenig. Besonders relevant für alle, die für Kinderbetreuung oder Pflege beruflich zurücktreten – bei einer Trennung reicht der Versorgungsausgleich unter Umständen nicht für eine auskömmliche Rente. Eine eigene private Vorsorge ist hier besonders wichtig.
Zweitens: Es zählt das relative, nicht das absolute Einkommen. Stagniert das eigene Gehalt, während alle anderen mehr verdienen, sinkt die Zahl der Entgeltpunkte pro Jahr – auch ohne Gehaltskürzung. Regelmäßige Gehaltsverhandlungen und Weiterqualifizierung wirken damit bis in die Rente hinein.
Die Deutsche Rentenversicherung schreibt regelmäßig, wie viele Entgeltpunkte bereits gesammelt sind und wie hoch die Rente einmal sein könnte. Zwei Dinge sollte man dabei wissen:
Beeinflussen lässt sich die Zahl der Punkte. Was ein Punkt später wert ist, bleibt eine politische Entscheidung.
1960 kamen rechnerisch noch sechs Beitragszahler auf einen Rentner. Für 2030 wird ein Verhältnis von etwa zwei zu eins prognostiziert. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung – weniger Menschen finanzieren also mehr Rentner über einen längeren Zeitraum.
Die großen Parteien bekennen sich bislang dazu, dass das Rentenniveau nicht unter 48 % fällt. Es beschreibt vereinfacht das Verhältnis der Standardrente – also der Rente nach 45 Jahren Durchschnittsverdienst – zum Durchschnittseinkommen.
Die Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben muss über höhere Beiträge, Steuerzuschüsse oder beides gedeckt werden. Zuletzt flossen mehr als 120 Mrd. € an Steuergeldern in die Rentenversicherung – rund ein Drittel der Steuereinnahmen des Bundes.
Vereinfachte Darstellung des sogenannten Rentnerquotienten.
Die Zahlen sind differenzierter als die Schlagzeilen. Die Armutsgefährdungsquote lag 2024 bei den ab 65-Jährigen bei rund 19,6 % gegenüber etwa 16 % in der Gesamtbevölkerung – ein relatives Maß. Beim absoluten Maß, der Grundsicherung im Alter, waren es zuletzt rund 4,1 %; in der Gesamtbevölkerung beziehen dagegen 8,5 % Leistungen der sozialen Mindestsicherung.
Ein sinkendes Rentenniveau bedeutet nicht, dass die Rente sinkt – sie steigt nur langsamer als die Löhne. Wer zusätzlich Einkünfte etwa aus Vermietung hat, muss sich trotz kleiner Rente nicht einschränken.
Wer als Selbstständiger kaum eingezahlt hat, bekommt auch wenig heraus. Das ist keine Systemschwäche, sondern die Logik des Umlageverfahrens – und wäre durch eigenverantwortliche Vorsorge zu lösen gewesen.
In der Renteninformation steht es wörtlich: Weil die Renten künftig langsamer steigen als die Löhne, wird eine zusätzliche Absicherung fürs Alter wichtiger – die „Versorgungslücke“.
Ein breit gestreutes Aktienportfolio hat historisch jeden Rückschlag ausgeglichen, wenn genug Zeit da war. Der MSCI World kam seit 1988 auf durchschnittlich rund 8,6 % pro Jahr; in den zehn Jahren vor Erhebung lag er bei etwa 10,5 %. Bei 8,6 % verdoppelt sich das Kapital rechnerisch in gut acht Jahren.
Ein Beispiel: Aus 100 € monatlich werden bei dieser Rendite nach 20 Jahren rund 61.000 € – vor Kosten, Steuern und Inflation. Sparpläne machen es leicht, auch mit kleinen Beträgen zu beginnen.
| Weg | Einschätzung |
|---|---|
| Welt-ETF-Sparplan | Günstig, breit gestreut, flexibel – dafür Kursschwankungen, die man aushalten muss. |
| Betriebsrente | Trotz mancher Nachteile eine gute Alternative, wenn der Arbeitgeber deutlich mehr als die vorgeschriebenen 15 % zuschießt. |
| Riester & Lebensversicherung | Gut planbar, aber häufig renditeschwach und kostenintensiv. In den meisten Fällen keine gute Wahl. |
Wer Kursschwankungen schlecht aushält, sollte den Sicherheitsbaustein größer wählen – nicht auf den Renditebaustein verzichten.
Nur noch arbeiten, weil man will: Rund 900.000 Menschen in Deutschland lebten 2024 von ihrem Vermögen – etwa ein Prozent der Bevölkerung. Wie viel davon aus Erbschaften stammt, geht aus den Daten nicht hervor. Für alle anderen ist es ein langer Weg.
„Miete zahlt Kredit ab“ – im Idealfall. In der Realität können steigende Zinsen die Kalkulation kippen, Leerstand die Tilgung aus eigener Tasche erzwingen und Reparaturen die Rücklagen aufzehren.
Hinzu kommt: Zwischen 1983 und 2012 lag die Wertsteigerung deutscher Immobilien unterhalb der Inflationsrate. Für nennenswertes passives Einkommen braucht es mehrere Objekte – und man geht ein erhebliches Klumpenrisiko ein.
Die DAX-Unternehmen schütteten für 2024 rund 54 Mrd. € aus. Nur: Dividenden sind nicht garantiert, sie können gekürzt werden oder ganz ausfallen.
Und eine hohe Dividendenrendite ist oft ein Warnsignal – sie kann daher rühren, dass der Kurs eingebrochen ist. Nach der Zahlung folgt zudem der Dividendenabschlag: Der Kurs fällt um die Ausschüttung. In der Ansparphase bremsen abfließende Dividenden außerdem den Zinseszinseffekt.
Die bekannte Vier-Prozent-Regel besagt: Aus einem ausgewogenen Depot lassen sich jährlich 4 % des Anfangsvermögens entnehmen, und das Geld reicht 30 Jahre.
Rückrechnungen über 289 rollierende 30-Jahres-Zeiträume ab 1970 zeigen: Selbst 4,3 % wären möglich gewesen – im ungünstigsten Zeitraum, mit jährlicher Inflationsanpassung. Als Orientierung taugt die Regel also.
Rechnet man es durch, wird schnell klar, warum finanzielle Freiheit für die meisten kein realistisches Nahziel ist:
| Strategie | Vermögen | pro Monat |
|---|---|---|
| Dividenden (3 %) | 300.000 € | ca. 750 € |
| Dividenden (3 %) | 1.000.000 € | ca. 2.500 € |
| Entnahme (4,3 %) | 800.000 € | ca. 2.900 € |
Steuern sind dabei noch nicht abgezogen. Und: Wer den Job aufgibt, verliert die Arbeitgeberzuschüsse zur Kranken- und Pflegeversicherung und zahlt die Beiträge komplett selbst.
Bei angenommenen 3 % Dividendenrendite bzw. 4,3 % Entnahmequote.
Frugalisten treiben das Sparen auf die Spitze; Sparquoten von 70 % sind nicht ungewöhnlich. Zwei ihrer Konzepte sind auch ohne Extreme brauchbar:
Der Haken: Wird Sparen zum Selbstzweck, bleibt die Lebensqualität auf der Strecke – und zwar in den Jahren, in denen man sie hat.
Statt vollständiger finanzieller Freiheit lohnt ein bescheideneres, aber erreichbares Ziel: genug passives Einkommen, um im Job kürzertreten zu können.
Miet- oder Dividendeneinnahmen gleichen dann das geringere Gehalt bei reduzierter Stundenzahl ganz oder teilweise aus. Dafür ist deutlich weniger Vermögen nötig – und der Gewinn an Zeit ist sofort spürbar.
Finanziell frei ist man damit nicht. Aber freier.
Begriffe noch einmal nachschlagen – oder direkt in die Praxis.